Leserempfehlungen

Von Lesern für Leser

Euch hat ein Buch gut gefallen? Hier veröffentlichen wir eure Empfehlungen für andere Leser. Schickt uns einfach eure Empfehlung oder gebt sie bei uns ab.
Ihr sucht den nächsten guten Krimi oder wollt euch einfach inspirieren lassen, dann stöbert hier in den Beiträgen der anderen Leser.

 


  • Wer Poetry Slam mag,Sebastian 23: Hinfallen ist wie Anlehnen, nur spaeter
  • Wem Vokalgedichte à la Ernst Jandls „Ottos Mops“ auch mit i oder e gefallen,
  • Wer wissen möchte, wie sich deutsche Neo-Nazis fühlen, wenn ihnen beim Biersaufen in Prag plötzlich einfällt, dass sie Ausländer sind oder wie verwirrt diese Menschen sein können, wenn ihnen ein Schwarzafrikaner mit Albinismus begegnet,
  • Wer auf Schüttelreime steht: Und so entstanden Pfützengraben, Ekelhaft und Grützenfarben (Sebastian 23, 2017, S.102),
  • Wer auch einmal ein Gedicht über Deutschlands hohen Norden lesen möchte: Ich komme aus der Ebene, Mit Bügeleisen modelliert (Sebastian 23, 2017, S. 75),

der liest Hinfallen ist wie Anlehnen, nur später von Sebastian 23 (Sebastian Rabsahl).

Kurz: Allen Liebhabern von Wortspielen und fröhlichen Nonsens-Texten sei dieses Buch von einem der bekanntesten deutschen Poetry Slammern wärmstens anempfohlen!

Raimund Möller

Sebastian 23: Hinfallen ist wie Anlehnen, nur später. Lektora 2017. www.lektora.de

Daniel Kehlmann: TyllDer mutmaßlich historische Till Eulenspiegel (auch: Tyll Ulenspiegel) ist der Überlieferung nach 1300 geboren worden, der 30jährige Krieg fand mehr als 300 Jahre später statt, für Kehlmann kein Problem. Er lässt Tyll durch das Kriegsgebiet im 17. Jh. ziehen und es treten Personen auf, die damals tatsächlich gelebt haben: Gustav II. Adolf von Schweden, Friedrich I. König von Böhmen, der Jesuit und Universalgelehrte Athanasius Kircher, nebenberuflich auch Inquisitor, und weitere bekannte und weniger bekannte Personen der damaligen Zeit. Das Buch könnte also, ähnlich wie Kehlmanns „Vermessung der Welt“ als eine Realfiction bezeichnet werden.

Der Episodenroman schildert anschaulich die Grausamkeiten des Religionskrieges und ist trotzdem leicht zu lesen. Tylls Auftreten als Gaukler und Hofnarr trägt ebenso dazu bei, wie die Bemühungen von König Friedrich I. und seiner Ehefrau Liz (Elisabeth Stuart), die durch die deutschen Lande reisen, um ihr Königreich Böhmen zurückzubekommen.

Gut geschrieben, spannende Lektüre!

Raimund Möller

Daniel Kehlmann: Tyll. Rowohlt 2017. www.rowohlt.de

Qualityland von Marc-Uwe KlingQualityLand ist die Zukunft und in der Zukunft ist alles OK. So lautet zu mindestens die Antwort auf alle Fragen in QualityLand. Okay? OK!
Alles ist optimiert, Liebe, Arbeit, Freizeit. QualityPartner weiß, wer am besten zu dir passt, dein digitaler Assistent sucht dir Freunde, entscheidet über dein Lieblingsrestaurant, bestellt dein Essen und versorgt dich mit den Informationen, die du wissen musst. Was du nicht wissen musst, musst du nicht wissen. Bezahlt wird mittels TouchKiss, einer Methode, die dich deinem QualityPad in ganz besonderer Weise näher bringt. TheShop schickt dir automatisch alle Produkte, die du bewusst oder unbewusst haben willst, ganz ohne eine Bestellung und geliefert von einer fliegenden Drohne, die weiß wann du zu Hause bist. In QualityLand muss kein Mensch mehr eine Entscheidung treffen. QualityLand ist das Land der Qualitätsmenschen und nur der Superlativ ist ausreichend, um es angemessen zu beschreiben. Daher ist auch nur die Benutzung des Superlativs in QualityLand erlaubt. Das Leben ist hier nicht angenehm, sondern am angenehmsten!
Und trotz all dieser wunderbarsten Vorzüge gibt es Menschen wie den Maschinenverschrotter Peter Arbeitsloser, der zunehmend mit dem Gefühl zu kämpfen hat, dass irgendwas nicht so ganz stimmt. Warum weiß TheShop besser was Peter will als er selbst? Warum gibt es Drohnen mit Flugangst und Kampfroboter mit posttraumatischer Belastungsstörung?

Das Buch ist eine wunderbar naheliegende Zukunftssatire, voll mit kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Anspielungen. Zwischen den Kapiteln gibt es Werbung, News und Beiträge mit Kommentaren, die einen zusätzlichen Blick auf die Gesellschaft von QualityLand erlauben.  In diesen Teilen unterscheidet sich auch die dunkle (für Apokalyptiker) von der hellen (für Optimisten) Buchversion. Diese Unterschiede sind für die Geschichte aber unerheblich, außerdem lässt sich die jeweils andere Version bei Interesse auf der Homepage nachlesen. Ich habe mich bei dem Buch wunderbar amüsiert und musste mich unheimlich zusammenreißen, um meinem Freund nicht ständig lustige Details zu spoilern.

  • Warum hab ich das Buch gelesen? Ich bin ein Fan der Känguru-Chroniken und hab mich sehr auf das neue Buch von Mark-Uwe Kling gefreut.
  • Wer sollte das Buch lesen? Känguru-Fans, Mark-Uwe Kling-Fans, Verschwörungstheoretiker, alle die sich für Satire und skurrilen Humor begeistern können.
  • Wer sollte das Buch nicht lesen? Alexa-Besitzer, Siri-Anhänger und Jennifer Aniston-Fans.

Svenja Nierentz

Kling, Marc-Uwe: QualityLand. Ullstein 2017. www.ullstein-buchverlage.de

 

Aus der Bibliothek…

Casinos, Goethe, ein teuflisches Kartenspiel, eine Jagd rund um die Welt und jede Menge Blut, das sind Bestandteile des Romans Des Teufels Gebetbuch von Markus Heitz (erschienen 1. März 2017).

Der ehemalige Spieler Tadeus Boch arbeitet in Baden-Baden beim Sicherheitsdienst eines Casinos, um sich gegen seine Kartenspiel-Sucht abzuhärten. Eines Abends gerät er zufällig in den Besitz einer jahrhundertealten und kunstvoll gestalteten Pik-Neun, die schon bald eine Macht über ihn besitzt, die weit über seine Sucht hinausgeht. Tadeus ist allerdings nicht der einzige, der von der Karte fasziniert ist. Bereits kurz nach ihrem Erhalt wird er von unbekannten Angreifern verfolgt, die vor nichts zurückschrecken. Als Tadeus Nachforschungen anstellt, trifft er auf Hyun Poe, deren Verlobter bei einer Partie des mysteriösen Kartenspiels Supérieur ums Leben  kam. Die beiden schließen sich zusammen und gehen auf die Jagd nach Antworten und weiteren Karten des Teufels Gebetbuch. Dabei sind sie nicht alleine, ein exzentrischer Sammler und eine alte geheimnisvolle Restauratorin sind nur zwei der vielen Personen, die sich für das seltene Kartendeck interessieren.

Während in der Gegenwart der Krieg um die Karten tobt und das Blut reichlich aus den Seiten sickert, berichtet ein anderer Erzählstrang von der Entstehung des Kartenspiels im Leipzig des 18. Jahrhunderts. Der Kupferstecher und Kartenmachern Bastian Kirchner geht einen unheilvollen Handel ein und erschafft ein Kartenspiel mit besonderer Kraft. Befreundet ist Bastian mit dem jungen Goethe, wodurch nebenbei eine nette Geschichte über Goethe und seine Idee für den Faust entsteht.

Mich haben die Faust-Anspielungen gut unterhalten und auch die Beschreibungen der realistischen Restaurationsarbeiten (nicht die fantastischen Elemente) und Details über die Herstellung und Ausgestaltung der Karten haben mich überzeugt. Die Fantasy-Elemente sind subtil eingebunden und die Spannung ist, obwohl das Buch recht umfangreich ist (672 Seiten), durchgehend hoch. Aus meiner Sicht sind die Motivation der Figuren und die Erklärung für ein paar Ereignisse, nicht oft, aber manchmal etwas spärlich. Bei der Vielzahl der Figuren und der verwobenen Handlung ist das allerdings zu vernachlässigen. Außerdem ist das Buch gut recherchiert, hat einen umfangreichen Anhang und erklärt das neu erfundene Kartenspiel „Supérieur“.

  • Warum hab ich das Buch gelesen? Ich habe mich beruflich mit mittelalterlichen Handschriften und Drucken beschäftigt und mich interessiert immer, wie solche Themen in modernen Romanen umgesetzt werden. Außerdem lese ich gerne Fantasy.
  • Wer sollte das Buch lesen? Jeder der actionreiche Romane mag, keine Angst vor reichlich Blut hat und dem die Realität nicht so wichtig ist.
  • Wer sollte das Buch nicht lesen?  Jeder, der jetzt denkt „Was für ein Quatsch“ 😉

Svenja Nierentz

Markus Heitz: Des Teufels Gebetbuch. Knaur HC 2017. www.droemer-knaur.de

Die Bibliothekarin empfiehlt…

„Verwechsle niemals das, was wichtig ist, mit dem, was wirklich zählt“. Wie geht man mit dem Verlust eines wichtigen Menschen um und besinnt sich darauf, was für einen wichtig ist im Leben? Das sind die Themen in Lori Nelson Spielmans drittem Roman Und nebenan warten die Sterne (erschienen am 29.09.2016).

Erika ist eine erfolgreiche Maklerin, auf dem besten Weg zu den Top 50-Maklern von Manhattan zu gehören. Fokussiert auf ihre Arbeit macht sie bei ihrem Familienleben einige Abstriche. Als sie wieder einmal der Arbeit den Vorzug gibt und ihre Töchter, Kristen und Annie, nicht wie verabredet zur Uni fährt, kommt es zu einer Katastrophe. Kristen stirbt auf dem Weg bei einem Zugunglück.

Als Annie, die für ein Jahr beurlaubt ist, davon erfährt bricht für sie eine Welt zusammen. Sie fühlt sich schuldig, da sie eigentlich zusammen mit ihrer Schwester in diesem Zug hätte sein sollen. In ihrer Trauer sucht sie Trost bei ihrer Mutter, die sich jedoch noch tiefer in ihre Arbeit flüchtet. Annie begreift nicht, was mit ihrer liebevollen Mutter passiert ist, die sonst immer einen Rat wusste und deren Liebe die Familie zusammenhielt.

Auch Erika leidet nach der Tragödie unter Selbstvorwürfen und weiß nicht an wen sie sich in ihrer Trauer wenden soll, da sie vor Annie keine Schwäche zeigen möchte. Anstatt füreinander da zu sein, entfernen sich Mutter und Tochter voneinander, bis Annie ihre Taschen packt und plötzlich verschwindet.

Ein berührendes Buch über Schicksalsschläge und die bewussten und unbewussten Reaktionen darauf. Die Personen in diesem Buch werden mit ihrer Einstellung zum Leben und zur Liebe konfrontiert. Relevant sind dabei nicht nur die Beziehungen zwischen Müttern und Töchtern, sondern auch zu anderen Familienmitgliedern. Die Geschichte bietet einen guten Anreiz, um über die eigene Lebensqualität nachzudenken und vielleicht erkennt die Eine oder Andere auch sich und ihr Verhältnis zu den eigenen Kindern wieder.

  • Warum hab ich das Buch gelesen? Ich kenne die anderen Titel der Autorin und finde die Bücher sind gut und flüssig zu lesen.
  • Wer sollte das Buch lesen? Mütter, Töchter, Schwestern, Großmütter, Tanten…
  • Wer sollte das Buch nicht lesen? Alle die Lori Nelson Spielman und „Frauenbücher“ generell nicht mögen.

AM & (SN)

Lori Nelson Spielman: Und nebenan warten die Sterne. Fischer Krüger 2016. www.fischerverlage.de

Die Bibliothekarin empfiehlt…

Ein Internet-Forum mit Todeskandidaten, brutale Morde, die Polizei chancenlos und die anonyme breite Masse der Öffentlichkeit sieht zu – das sind die Eckpfeiler des Thrillers anonym von Ursula Poznanski und Arno Strobel (erschienen am 21.09.2016).anonym

Du willst jemanden loswerden, weil er dir geschadet hat oder einfach nur unsympathisch ist? Kein Problem, in Hamburg bietet das Internetforum Morituri die perfekte Lösung. Alle paar Tage können die User über vier Todeskandidaten abstimmen und wer als „Gewinner“ daraus hervorgeht, wird von dem Betreiber des Forums auf spektakuläre Weise hingerichtet. Die Professionalität des Mörders und die Anonymität im Netz machen es den Kommissaren Daniel Buchholz, Nina Salomon und ihren Kollegen unmöglich auch nur in die Nähe des Mörders zu kommen, geschweige denn die angekündigten Morde zu verhindern. Die User verfolgen das ganze Spektakel mit Ungläubigkeit, Abscheu, aber auch Faszination und hämischer Begeisterung. Parallel dazu macht sich Panik in Hamburg breit und lähmt die Polizeiarbeit durch eine Flut von Hinweisen und Verdächtigungen.

Die Handlung ist von Anfang an packend und in einem flüssigen und klaren Stil geschrieben. Es gibt keine ausschweifenden Beschreibungen, mit Adjektiven und allzu blutigen Details wurde gespart. Ich habe die Beschreibung der Toten und der Morde als verhältnismäßig zurückhaltend wahrgenommen, da nicht jedes grausige Detail umfassend ausgebreitet und wiederholt wurde.

Die technische Seite hinsichtlich des Internets wird auf relevanten Informationen begrenzt und setzt kein Informatikstudium voraus. Auch den Ton, der in dem Forum herrscht, finde ich gut getroffen. Gefallen hat mir, dass immer wieder die Perspektive des Ich-Erzählers wechselt. Szenen werden sowohl aus der Sicht von Buchholz als auch aus der Sicht von Salomon dargestellt.
Scheinbar gehört es bei einem Krimi dazu, dass jeder Kommissar irgendein Trauma mit sich herumträgt, so ist es auch hier. Ich bin keine eingefleischte Krimileserin, aber anonym hat mir in vielerlei Hinsicht wirklich gut gefallen.

  • Warum hab ich das Buch gelesen? Ich hatte mal wieder Lust auf einen Krimi und die Themen klangen spannend: Internet, Anonymität, Mord.
  • Wer sollte das Buch lesen? Jeder, der spannende und verhältnismäßig kurze Krimis mag.
  • Wer sollte das Buch nicht lesen? Nerds und Hacker. Vielleicht ist die Darstellung des Internet und Darknet dann doch zu einfach gehalten.

Svenja Nierentz

Ursula Poznanski / Arno Strobel: Anonym. Wunderlich 2016. www.rowohlt.de